Zugspitz UltraTrail (ZUT)

Dies ist ein persönlicher Erfahrungsbericht.

Der Zugspitz Ultratrail ist Deutschlands größtes Trailrun Event. Jedes Jahr starten hierbei bis zu 2.500 Läufer/innen aus über 50 Nationen. Die längste Distanz umrundet die Zugspitze von und bis Grainau. Es gelten 101,6 Km mit 5.412 Höhenmeter zu bewältigen. Der Lauf startet samstags um 7:15 Uhr und muss spätestens nach 26 Stunden und 15 Minuten, unter Einhaltung mehrerer Zwischenzeiten / Cut-offs, gefinisht werden.

Bereits drei 100 Km Läufe hatte ich bis 2015 gefinisht. Nachdem das letzte Sportjahr (2016) im Fokus der „Tempohärte gewinnen“ stand, bemerkte ich dieses Frühjahr schnell, dass ich fitter, kraftvoller und mental stärker war als je zuvor. Was also tun? Richtig, auf die 100 Km Distanz ein paar Höhenmeter drauflegen, um eine neue Herausforderung anzugehen
Die fixe Anmeldung zum ZUT nahm ich recht spät vor (9.5. / 5,5 Wochen vor dem Startschuss). Zu groß war mir die Übertrainingsgefahr durch den Trainierjob und das damit verbundene Ausfallrisiko.

Ich hatte also knapp 6 Wochen Zeit, um mich mit der Strecke, mit meinen körperlichen Mimimimi’s, dem Höhenprofil, den Ergebnislisten des Vorjahres, Daten, Fakten, persönlichen Erfahrungen von Vorjahres-Finishern und und und vertraut zu machen.

Umso näher der Starttag X rückte, umso mehr registrierte ich diverse positive Zeichen, die auf „GO“ standen. So befand sich z.B. mein Ruhepuls 2 Tage vor Start immer noch bei 39 (mein Minimalpuls liegt bei 38), meine Körperwaage zeigte selbst nach vermehrter Kohlenhydrataufnahme noch -1 Kg (im Vergleich zu Wettkampfwochen im Vorjahr) an und auch meine Startnummer „402“ wollte mir meinen 4. Finish voraussagen (4×100, davon dieser aufgerundet 101,6/102 = 402).

DER LAUF:

17.06.2017 07:00 UHR:

Nach Kontrolle meiner Pflichtausrüstung (Rucksack, 1,5L Flüssigkeit, Stirnlampe, Handschuhe, Mütze, lange Überkleidung, Regenjacke, Erste Hilfe Set, Rettungsdecke, Streckenkarte, etc.) durch den Veranstalter, stand ich nun gemeinsam mit über 500 Ultraläufern im Startblock. Bereits am Vorabend auf der Pastaparty zählte ich 9 Starter/innen für die 100K Distanz, die ich kannte. Fünf von ihnen standen nun unmittelbar in meiner Nähe, das tat gut. Der Zusammenhalt in dieser Szene gibt mir viel Kraft, ich bin happy ihr anzugehören und zu spüren, dass wir nur ein Dorf sind.

07:15 UHR:

der Startschuss fällt. Es geht nur sehr schleppend los, denn eine Musikkapelle führt das Feld an.

V1: DIE ERSTE VERPFLEGUNGSSTELLE ERREICHE ICH NACH 1H 21 MIN, 9,2 KM UND 516 HÖHENMETER IM AUFSTIEG.

Zeitlich lief es wie geplant, mein Puls war jedoch häufig zu hoch – zu hoch für eine Ultradistanz. Auch schwitzte ich deutlich mehr als sonst im Training bei gleicher Geschwindigkeit und ähnlichen Gegebenheiten. Blicke nach rechts und links verrieten mir allerdings, dass es mir nicht alleine so ging, es tropfte bei vielen unaufhörlich. Schnell wurde mir klar, dass Sonnenschein auch kein ideales Wetter für einen Trailwettkampf ist. Nun wünschte ich mir für die Aufstiege Regen und für die Abstiege trockenen Boden mit Sonnenschein. Schade

V2: 3H 11MIN, 19,5 KM UND 1.370 HÖHENMETER IM AUFSTIEG.

Ich habe keine besonderen Erinnerungen an diesen Zeitpunkt.

V3: 4H 48MIN, 27,2 KM UND 1.914 HÖHENMETER.

Hier treffe ich gleich auf drei bekannte Lauffreunde. Ich erschrecke mich ein wenig, denn alle drei sehen nicht gut aus. Sie sahen genauso aus, wie ich mich fühlte, bereits völlig durch. Im Nachhinein vermute ich, dass es an zu wenig Flüssigkeitsaufnahme lag, zumindest wenn ich für mich spreche. Zwei dieser drei Lauffreunde stiegen leider im Laufe des Rennens aus, der andere kam an dieser VP mit großen Augen auf mich zu und fragte „stand da eben auf dem Schild wirklich 80 km to go“? Ich konnte nur mit gesenktem Kopf nicken und leise antworten „Ja, es wird ein noch härteres Brett als sowieso schon befürchtet“.

V4: 8H 8MIN, 40,6 KM UND 2.778 HÖHENMETER IM AUFSTIEG.

Ich fühlte mich gar nicht gut. Bis Km 37 dachte ich stetig ans aufgeben. Ich musste häufige Stehpausen einlegen, meine Oberschenkel zitterten vor Überanstrengung (oder war es doch nur Mineralien-, Flüssigkeits- oder Kohlenhydratmangel?).

Oben, auf der Kante des Scharnitzjoch (Km 37) stand ein Helfer (Bergretter?) und sah mich an. Ich fragte ihn ungläubig „Bin ich oben?“, er antwortete grinsend: „Ja, du bist jetzt oben, nun geht’s runter!“. Ich riss – wie Rocky – meine Arme in die Luft und strahlte: „Juhuuuu, nur noch ein richtig fieser Anstieg wartet auf mich, fast geschafft!“ Das darauffolgende, fette Grinsen von ihm war unbezahlbar und verlieh mir Kraft. Danke an die vielen, tollen Helfer auf der Strecke!

Die letzten 4 Km bis zur Verpflegungsstelle 4 liefen nun – zum Glück – bergab, ich konnte mich endlich aufbäumen, neuen Mut finden, den kühlen Fahrtwind genießen und eben einfach die Beine laufen lassen. Nach vier halben Stücken Zitronenkuchen ging ich wieder auf die Strecke. Das Bewusstsein darüber, dass bald wieder laufbare Passagen kommen würden, munterte mich auf.

V5: 11H 4MIN, 53,6 KM UND 3.483 HÖHENMETER IM AUFSTIEG.

Nach der letzten Verpflegungsstelle hatte ich endlich ins Rennen gefunden, allerdings inzwischen mit einem wahnsinnigen Durstgefühl und auch meldete sich mein Darm zum ersten Mal, irgendwas ist eben immer . Ein WC auf einer Alm war schnell gefunden und gegen den extremen Durst auf den letzten 5 Km bis zur V5 musste ich einen Läufer anpumpen, welcher mir seine letzen 0,2L Iso gab. Zum ersten Mal reichten mir die 1,5L im Rucksack nicht aus.

Ab diesem Verpflegungspunkt beginnen ärztliche Checks. Man wird angesehen und angesprochen, ist man unauffällig wird man auch direkt wieder in Ruhe gelassen. An dieser Verpflegungsstelle konnte man eine Drop-Bag deponieren, für Wechselkleidung, Schuhe, Eigenverpflegung und ähnliches. Ich bin happy nichts daraus zu benötigen, lediglich ein Shirt mit dem CEP Slogan „hungry for gold“ ziehe ich mir, aus motivations- und mentalen Gründen, über. Bereits Tage im Voraus redete ich mir ein: wenn ich es bis zur V5 schaffe, dann schaffe ich es auch bis ins Ziel! Denn ab hier wurde die Strecke einfacher, flacher und laufbarer.

V6: HIER GIBT ES KEINE ZEITMESSUNG.

Unbegründet empfinde ich diese Verpflegungsstelle als ungemütlich. Hier habe ich die wohl kürzeste Verweildauer und suche nach einer Cola den Ausgang zurück auf die Strecke.

V7: 13H 15MIN, 67,8 KM UND 3.724 HÖHENMETERN IM AUFSTIEG.

Hier tausche ich bereits meine Cap/Sunvisor gegen die Stirnlampe aus, denn ich wusste nicht, ob ich die nächste Verpflegungsstelle im Hellen erreichen würde. Als ich gerade wieder los wollte, bemerke ich meinen Freund, der ein paar Fotos von mir machte. Er war sichtlich erleichtert zu sehen, dass es mir so gut ging (nach der V4 lief es ja endlich). Noch 38 Km warteten auf mich und ich verabschiedete mich hastig mit den Worten „Schatz ich will los, ich will endlich ins Ziel“. Die Verpflegungsstelle lachte. Ich meinte es, wie ich es sagte. Es war doch wirklich nicht mehr weit, nur noch lange – eine Nacht.

V8: 16H 17MIN, 81,9 KM UND 4.238 HÖHENMETERN IM AUFSTIEG.

Kurz nach der V7 meldete sich mal wieder mein Darm und diesmal konnte gestapeltes Holz mich retten (…aus dem Leben einer Läuferin….). Schon längst hatte ich alle Theorie über wieviel Flüssigkeit und Kohlenhydrate der Darm pro Stunde aufnehmen und verarbeiten kann über den Haufen geworfen, natürlich meldete sich mein Darm später zu finsterer Stunde erneut.
An dieser Verpflegungsstelle wurden wir gebeten, uns etwas Langes überzuziehen, es würde oben sehr frisch werden. Also zog ich mir ein drittes Shirt, ein Langarmshirt, über und verließ mit dem Bewusstsein, dass nun der letzte schlimme Anstieg mit 1.174 Höhenmeter auf 10,6 Km auf mich wartete.

V9: 18H 35MIN, 89,0 KM UND 4.987 HÖHENMETER IM AUFSTIEG.

Für die vergangenen 7,1 Km benötigte ich 2h 18min, unvorstellbar. Ausgerechnet auf dem letzten Anstieg warteten hohe Absätze auf mich, für die ich keine Kraft mehr hatte. Keine Kraft mein eigenes Körpergewicht Stufe für Stufe einbeinig nach oben zu drücken. Immer wieder brach mir mein Kreislauf weg und ich musste mich minutenlang auf Felsen und Baumstämmen ausruhen. Überholende Läufer erkundigten sich über mein Wohlergehen, ob ich etwas bräuchte und wollten, dass ich mich ihnen anschließe. Ich glaube, in dieser Passage stießen Einige an ihre Grenzen, überall hörte ich nur noch negative Worte „real nightmare“, horrible“…. Das machte es nicht leichter. Auch mir gelang es nicht mehr andere zu motivieren, ein Liedchen anzustimmen oder auch nur ein kleines Lächeln herauszubringen.

An dieser Verpflegungsstelle nimmt mich eine Ärztin/Helferin genau ins Visier. Sie wollte, dass ich Suppe trinke und mich ins Wärmezelt setze. Das tat ich nicht.

Obwohl mir seit langem kotzübel von dem ganzen Zucker war, griff ich zu 0,4L Cola, um meinen Kreislauf in Schwung zu bringen. Ich zog mir Handschuhe und eine Jacke über und begab mich wieder auf die Strecke.

V10: 20H 50MIN, 95,8 KM UND 5.412 HÖHENMETER IM AUFSTIEG.

Alle Aufstiege lagen nun hinter mir, die pure Erschöpfung. Auf den letzten Kilometern war nichts zu sehen, außer Nebel. Es war fies nasskalt da oben. Niemand sprach, kein einziges Wort von Überholern und Einkassierten.

An dieser Verpflegungsstelle halte ich nicht mehr an und nehme nichts mehr zu mir. Es warteten ja nur noch 5,8 Km downhill auf mich. Ein unbeschreibliches Gefühl! Im Vorbeilaufen frage ich die Ärztin/Helferin nach dem Weg und höre einen Läufer laut sagen „na die hat´s ja eilig!“. Ironisch aber energisch antworte ich „ich habe keinen Bock mehr! Ich will nur noch ins Ziel!“. Ein paar wenige können lachen (vermutlich sind es nur noch die Helfer).

ZIELLINIE: NACH 22H 18MIN, 101,6 KM UND 5.412 HÖHENMETERN IM AUF- UND ABSTIEG ERREICHE ICH DAS ZIEL.

Für die letzten 5,8 Km im downhill benötigte ich 1h 28 min, unfassbar, wie langsam man sein kann. Dabei bin ich noch gefühlt 2 Km „gelaufen“. Dieser downhill war das Schmerzhafteste, was meine Knie erleben mussten, meine Muskulatur konnte keine Stöße mehr abfangen und ich stieg ab wie eine Hundertjährige.

Im Ziel empfing mich mein Freund. Ich kämpfe mit Tränen, mit Tränen der Erschöpfung und Tränen, dass ich es endlich zu Ende gebracht habe. Meine einzigen Worte, die ich finden konnte waren „Es tut so weh“.

Ich ließ mir die Medaille umhängen, holte meine Drop-Bag und das hart erkämpfte Finishershirt ab.

PERSÖNLICHES FAZIT:

Von 54 gestarteten Frauen schafften es 39 ins Ziel, dabei belegte ich den 21. Platz.

Ja, ich werde es (bestimmt irgendwann) wieder tun. Das war doch noch nicht alles.

Beim nächsten Mal nehme ich ein 2L Gefäß mit und ich werde bis dahin mehr am Thema „feste“ Nahrung üben. Ein Verzicht auf Laktose und der „möglichst“- Verzicht auf Fruktose im Voraus und auch während dem Rennen haben meinem Bauch gut getan. Jedoch waren 9 Gels, 6 halbe Stücke Zitronenkuchen, 1 halber Riegel, 1 Scheibe trockenes Brot und 8 Scheiben Gurke mit Salz als Füllvolumen zu wenig.